Test: Tales of Arise

Die „Tales of“-Reihe kann auf eine lange Historie zurückblicken. Den Anfang machte Tales of Phantasia damals 1995 auf dem SNES, mittlerweile sind 15 weitere Titel dazugekommen. Tales of Arise stellt dabei den neuesten Teil der Rollenspiel-Saga dar, der neben PS4 und Xbox One auch auf der aktuellen Konsolengeneration erschienen ist und damit den Start der Action-JRPGs auf PS5 und Xbox Series markiert hat. Doch wie schlägt sich das erste „große“ Rollenspiel im Praxistest? Ich durfte die Xbox Series Fassung testen und kann euch sagen, ob sich der Ausflug nach Dahna zum 25-jährigen Jubiläum lohnt.

Gut gegen Böse – oder doch nicht?

Alphen, der zu Beginn des Spiels noch namenlose Protagonist, fristet ein hoffnungsloses Leben als Sklave auf dem Planeten Dahna, der von den Kriegsherren des Nachbarplaneten Rena erobert und unterjocht wurde. Dahna wurde im Zuge dessen in einzelne Gebiete unter- und unter den Herrschern aufgeteilt, jeder mit dem Ziel, die Gesamtführung über Dahna zu übernehmen. Doch eine kleine Widerstandsgruppe, die sich unter der Bezeichnung „Silberschwerter‘ einen Namen gemacht haben, will den Status Quo ändern und setzt mit einem vergleichsweise kleinen Anschlag eine Kettenreaktion in Gang, die das gesamte Schicksal des Planeten ändern soll – mit Alphen in der Hauptrolle. Denn nicht nur, dass unser Held keinerlei Schmerz empfindet und so natürlich einige Vorteile im Kampf mit sich bringt, stößt kurz nach dem Anschlag die Renäerin Shionne zu uns und hat sich ebenfalls den Sturz der Lords zum Ziel gesetzt – was auf Grund ihrer Herkunft zwielichtig scheint, denn warum sollte eine Renäerin gegen ihre eigenen Leute kämpfen? Und so muss sich Alphen und das Team nicht nur mit den Besatzern, sondern auch mit Misstrauen innerhalb des Widerstands herumschlagen.

Die Story ist spannend und bricht bewusst das klassische Schwarz-Weiß-Spiel auf.

Tales of Arise erzählt eine vielschichtige Geschichte, die trotz der bunten Optik durchaus düstere Themen behandelt und das klassische Schwarz-Weiß Szenario nach einigen Spielstunden immer weiter aufbricht. Auch die Charaktere haben ihre Päckchen zu tragen und mussten und müssen im Laufe der Story einige Schicksalsschläge einstecken, die den Charakteren neben der generellen Unterdrückung weitere Motive für ihr Handeln geben – inklusive klassischer JRPG-Klischees.

Die Truppe rund um Alphen und Shionne ist mir schnell ans Herz gewachsen, was auch an der tollen Charakterzeichnung sowohl der Prota- als auch Antagonisten gelegen hat, wobei die „gute“ Seite für mich dann doch etwas mehr Profil hatte. Das wird durch das dynamische Zusammenspiel der einzelnen Partymitglieder erreicht, die ständig im Austausch miteinander stehen und per Knopfdruck auch immer wieder Hintergrundinfos ausplaudern oder aktuelle Geschehnisse kommentieren und diskutieren. Bei der Menge an optionalen Dialogen kann es leider aber auch mal vorkommen, dass sich bestimmte Gespräche inhaltlich fast wiederholen und so etwas Langeweile aufkommen kann.

Wirklich überzeugen konnte mich außerdem der Abwechslungsreichtum der verschiedenen Gebiete. Absurd heiße Feuerminen, eiskalte Bergregionen oder auch saftig-grüne Waldflächen – Tales of Arise bringt eine unheimlich gutaussehende Varianz an Schauplätzen mit sich, die der Geschichte den nötigen visuellen Rahmen liefert.

Jedes neue Gebiet macht optisches einiges her.

Doch seid gewarnt: Tales of Arise entfaltet seine wirkliche Qualität erst nach einigen Spielstunden, gerade der schon schlauchig-starre Start kann den ein oder anderen Spieler sicherlich verschrecken. Da helfen auch eine Fülle von Nebenquests nichts, besonders da diese qualitativ nie an das Level der Hauptstory heranreichen. Sie sind zwar nicht schlecht, reichen aber auch nicht über JRPG-Standardkost hinaus. Dafür gibt es später die Möglichkeit, Nebentätigkeiten wie beispielsweise Angeln zu unternehmen – auch nicht wirklich anspruchsvoll, aber doch ein ganz angenehmer Zeitvertreib.

Zwischen Button-Mashing und Taktieren

Das Kampfsystem von Arise ist im Grunde klassische Action-JRPG Schule. Ihr lauft mit eurer Party durch Gebiete und seht Gegner umherlaufen, bei Berührung schaltet das Spiel dann in den Kampfmodus. Zufallskämpfe gibt es demnach nicht und ihr könnt Gefechten aus dem Weg gehen, falls ihr doch mal nur schnell eine Quest erledigen wollt. In den Kämpfen habt ihr neben einer normalen Angriffstaste drei Artesattacken, die wie Spezialattacken wirken und miteinander verbunden werden können. Diese Attacken können verschiedene Elemente nutzen oder den Gegner zum Beispiel in die Luft schleudern, um ihn dann dort mit einer Kombo weiter zu bearbeiten und mit einer weiteren Artes wieder auf den harten Boden der Tatsachen zurückzubefördern. Im Anschluss nutzt ihr oder ein anderes Mitglied euer Party eine sogenannte Boostattacke, die mit einer kurzen hübschen Animation eingeläutet wird und noch mal eine gute Menge Schaden verursacht. Artes könnt ihr dabei nicht unendlich verwenden, sondern müsst immer einige Zeit warten, bis eure Artes-Leiste weit genug aufgeladen ist. Um das Bewegungsrepertoire zu komplettieren könnt ihr springen, um besagte Kombos in der Luft weiterführen zu können und eine Ausweichrolle vollführen, die bei perfekter Ausführung die Zeit verlangsamt und jede Konterattacke verstärkt.

Das Kampfsystem ist sehr actionreich, im Verlaufe des Spiels muss aber auch immer mehr taktiert werden.

Im Laufe des Spiels zieht der Schwierigkeitsgrad besonders bei Bossen immer wieder an, so dass simples Button-Mashing vielleicht noch bei Standardgegnern hilft, bei besonderen Kontrahenten aber taktisch klug vorgegangen werden muss. Dabei hilft die Möglichkeit, der Party verschiedene Taktiken mit an die Hand zu geben. So könnt ihr beispielsweise bestimmen, dass sich eure Truppe aufs Heilen konzentrieren soll, während ihr das Monster mit Schlägen bearbeitet. Daneben könnt ihr RPG-typisch Gegenstände nutzen oder eure Ausrüstung/Waffen verbessern, um weiteren Fortschritt meistern zu können.

Waffen, Rüstung, Amulette – alles lässt sich aufrüsten und austauschen.

Im ersten Drittel des Spiels kann es eventuell etwas überfordernd wirken, dass man oft mit neuen Spielsystemen überschüttet wird und auf immer mehr Dinge Rücksicht nehmen muss. Da kann das ein oder andere Element im Eifer des Gefechts schnell vergessen werden, so dass man vielleicht länger als nötig an manchen Gegnern sitzt. Glücklicherweise lässt sich der Schwierigkeitsgrad anpassen, man sollte also nicht zu lange an einem Kampf sitzen.

Auch wenn eure Party durch Kämpfe levelt, Dinge wie HP, Mana oder Intelligenz könnt ihr nicht speziell aufwerten. Die Werte steigen zwar an, gezielt könnt ihr jedoch nur eure Artes bzw. ähnliche Skills mit verdienten Fähigkeitspunkten anpassen. So lassen sich neue Attacken lernen oder mehr Schaden mit Schwertangriffen verursachen, einen Skill-Tree im klassischen Sinne gibt es jedoch nicht. Stattdessen gibt es verschiedene „Container“, die bei fortschreitender Spieldauer freigeschaltet werden und immer wieder neue Skills zur Verfügung stellen. Diese Container sind aber nicht miteinander verbunden, eine Abhängigkeit besteht also nicht.

Einen klassischen Skilltree gibt es nicht, stattdessen werden einzelne „Blöcke“ freigeschaltet, die verschiedene Skills bieten.

Außerhalb der Kämpfe gibt es, wie bereits erwähnt, eine Fülle an Nebentätigkeiten und -quests, die mal mehr und mal weniger spannend sind. Außerdem könnt ihr Materialien sammeln oder besondere Eulen finden, ebenso wie neue Outfits für eure Party. Man kann seine Zeit also auch außerhalb der spannenden Hauptgeschichte verbringen, zwingend notwendig ist es meiner Meinung nach aber nicht – die knapp 50h Mainquest wissen schon zu beschäftigen.

Wie ein spielbarer Anime

Technisch hat mich Tales of Arise wirklich begeistert. Das Spiel sind wunderschön aus und hört sich wunderbar an, die englische Synchro macht einen tollen Job und auch die deutschen Übersetzungen sind gelungen. Alternativ könnt ihr die Sprachausgabe auch auf japanisch stellen, mir hat die englische Version aber so gut gefallen dass ich gar nicht ans Wechseln gedachte habe.

Neben tatsächlichen Anime-Sequenen sieht auch das Spiel an sich wie ein spielbarer Anime aus, der Grafikstil hat meinen Geschmack komplett getroffen und ist für mich eines der schönsten Spiele des Genres. Außerdem lässt sich festlegen, ob das Spiel im Performance- oder Grafikmodus laufen soll – und selbst im Performance-Mode sieht es immer noch unverschämt gut aus.

Malerische Landschaften, feurige Bergwerke – Tales of Arise bietet eine ganze Fülle an wunderschönen Locations.

Gespräche werden wie schon in Scarlet Nexus in Panels dargestellt, was den Anime bzw. in diesem Fall Manga-Charakter unterstreicht. Tales of Arise hat den Anime/Manga-Stil für mich wirklich gut umgesetzt und ist für mich eines der hübschesten Spiele 2021. Untermalt wird das Ganze von einem Soundtrack, der die komplette Bandbreite an Emotionen abrufen kann: fröhlich-verspielt, epochal, traurig – zu jeder Situation gibt es die passende Soundantwort.

Fazit

Tales of Arise befindet sich in meiner persönlichen „Top 10 Games 2021“-Liste auf den vorderen Plätzen. Das liegt an der spannenden und erwachsenen Story, dem actionreichen Kampfsystem und dem wunderschönen Artstyle. Die Charaktere harmonieren sehr gut miteinander und sind mir lange im Gedächtnis geblieben, es gibt viel zu tun und generell wirkt das Spiel einfach wie aus einem Guss. Nur der etwas zähe Beginn und die vielleicht zu überfrachteten Gameplaymechaniken im Kampf können störend wirken. Ansonsten würde ich jedem Action-RPG Fan raten, einen längeren Blick auf Tales of Arise zu werfen.

8.9

Gameplay

8.9/10

Grafik

9.0/10

Sound

8.8/10

Umfang

8.7/10

Pros

  • Wunderschöne Präsentation
  • Gelungenes Kampfsystem
  • Spannende Geschichte

Cons

  • Etwas zäher Beginn
  • Überladene Kampfsysteme
  • generische Nebenquests
Über Pat 179 Artikel
Kommt aus Essen und zockt gerne mal, am liebsten Multiplayer- und Horrorgames.

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*