Review: Wolfenstein II: The New Colossus – Spiel Heil!

Ihr steht auf klassische Ego-Shooter-Action? Wollt mal wieder Nazis in den Arsch treten? Habt keinen Bock auf Multiplayer und wollt einfach nur eine ordentliche Singleplayer Kampagne? Dann sollte Wolfenstein II: The New Colossus euer Spiel sein. Doch kann das Actionfeuerwerk nur auf dem Papier überzeugen oder haut es den Nazis auch in der Praxis die Hitlerscheitel weg?

New World Order

Sie haben es geschafft: die Nazis haben die USA übernommen und sind mittlerweile sogar bis ins All vorgedrungen. Die Welt scheint dem Untergang geweiht, doch eine kleine Wiederstandsgruppe namen Kreisauer Kreis rund um William „B.J.“ Blazkowicz – vom Naziregime auch Terror-Billy genannt – hat den bewaffneten Kampf aufgenommen und will Adolf Hitler und seine treue Gefolgschaft stürzen.

Eine von Hitlers wichtigsten Verbündeten ist SS-Obergruppenführerin Irene Engel, die es sich zum Ziel gesetzt hat, den Kreisauer Kreis ein für alle mal zu vernichten und jeglichen Widerstand gnadenlos im Keim zu ersticken. Engel wurde schon im Vorgänger eingeführt, dort war allerdings noch Wilhelm „Deathshead“ Strese der Hauptantagonist. Nach seinem Tod in The New Order hat Frau Engel die Rolle eingenommen und füllt sie mehr als gerecht aus.

Die Story ist sehr straight-forward. Es wird eine Geschichte über den Widerstand gegen das Naziregime erzählt, oberflächlich erst einmal nicht mehr und nicht weniger. Man braucht keine Storytwists oder Mindfucks erwarten, dennoch wird durch das Beleuchten der Kindheit von BJ eine Tiefe geboten, mit der nicht viele Shooter mithalten können. Wer hingegen hofft, dass man mit einem BJ eine Art Doomguy spielt, der wirklich keinen Fick gibt und einfach alles ohne Gewissen umsenst, der hofft umsonst. William hinterfragt sein Handeln, versinkt in manchen Situationen in Selbstmitleid und ist emotional nicht der Stabilste.

Allgemein: die Figuren sind sehr abwechslungsreich gezeichnet, nach einiger Spielzeit kennt man die Macken und Stärken seiner Kumpanen und Kumpaninnen und baut so eine Verbindung zu ihnen auf. Das kommt vor allem Frau Engel zugute, denn so baut sie sich mit jeder ihrer Grausamkeiten gegenüber unserer Truppe ein absolut hassenswertes Denkmal, welches es so schnell und qualvoll wie möglich zu beseitigen gilt. Da hat MachineGames sehr gute Arbeit geleistet – endlich mal wieder ein Bösewicht mit Charakter und Profil!

Old-School-Äktschn!

Der Weg zu Frau Engel ist jedoch beschwerlich und gepflastert mit Leichen, die von BJ in Massenabfertigung produziert werden. Dabei greift er auf Schrotflinten, Maschinenpistolen und -gewehre, Pistolen und Äxte zurück. Auch exotische Laser- und Dieselgewehre kommen zum Einsatz und sorgen für ordentlich Spektakel. Dabei lassen sich auch die meisten der Waffen Akimbo-Style tragen, sprich in jeder Hand eine Wumme. So fällt das Zielen über Kimme und Korn weg, stattdessen wird mit L2/LT dann die Knarre in der linken Hand abgefeuert. Allerdings habe ich das Feature bis auf wenige Ausnahmen kaum genutzt, da es oft auch mit dem herkömmlichen Weg geht. Vor allem lässt sich dann so auch besser um/über Hindernisse blicken und per Zoom gezielt Kopfschüsse verteilen.

Waffen lassen sich durch Sammeln von Waffenteilen verbessern, so dass man auf seine Pistole z.B. einen Schalldämpfer setzen kann, um sich so schleichend besser fortzubewegen und sich nicht nur auf seine Axt verlassen zu müssen. Das macht das Gameplay auf jeden Fall abwechslungsreicher, ohne dabei aber überladen zu wirken – für mich eine angemessene Individualisierungsfunktion für diese Art von Spiel.

Was ich wirklich cool fand ist die Möglichkeit, seinem Spielstil entsprechend gebufft zu werden. In der Praxis sieht das als Beispiel so aus: ihr schleicht viel herum und tötet viele Leute leise mit der Axt. Nach 20 Schleichkills mit der Axt könnt ihr als „Belohnung“ dafür mehr Äxte bei euch tragen. Nach weiteren 20 Kills ist die Reichweite der Takedowns erhöht usw. Je nachdem, wie ihr also spielt, werden euch zusätzliche Boni gewährt. Dadurch muss man sich bei einem Spiel wie Wolfenstein keine Gedanken über das Leveln machen, das übernimmt das Spiel in Verbindung mit eurem Spielstil für euch.

Das Leveldesign ist durchaus abwechslungsreich, mal wird einfach alles niedergemäht, mal muss man sich aber auch weitestgehend lautlos durch die Level bewegen, gerade wenn Kommandanten in der Nähe sind. Diese werden durch ein Radar am oberen Bildschirmrand angekündigt und sollten so schnell und leise wie möglich ausgeschaltet werden. Denn sollte man entdeckt werden ruft dieser Gegnertyp so lange Verstärkung, bis man ihn zum Schweigen gebracht hat. Das kann dann mitunter sehr stressig werden, zumal ich öfter mal das Gefühl hatte, entdeckt worden zu sein, obwohl das eigentlich gar nicht möglich war. Die Level sind grundsätzlich zwar schlauchig, man hat aber meistens immer mehrere Weg zur Verfügung, um ans angezeigte Ziel zu kommen.

Rüstung und Healthpacks werden  wieder durch Drücken von Viereck eingesammelt, mittlerweile reicht es aber teilweise auch, einfach über die Objekte zu laufen. Das ist auf jeden Fall ein Fortschritt gegenüber dem Vorgänger, wo wirklich alles eingesammelt werden musste. Nun ist das nur noch bei großen Items der Fall.

Was mir nicht gefallen hat war das Treffer-Feedback. Es kam mehr als zig-mal vor, dass ich nicht wusste von wo ich jetzt getroffen wurde und wer jetzt Schuld an meinem Tod war, einfach weil das nicht gut angezeigt wird. So musste ich einige Abschnitte dann mehrmals spielen, einfach weil ich nicht wusste, warum ich jetzt genau gestorben bin und was an meiner Deckung so falsch war.

Unterschiedliche Gegnertypen werden auch geboten, die man alle anders angehen sollte. Manche müssen von hinten angegriffen werden, manche reagieren nur auf Sprengstoff sensibel und manche sind einfach Kanonenfutter. Man sollte allerdings keine Überraschungen erwarten, wer den Vorgänger gespielt hat wird nicht vom Hocker gehauen und auch sonst halten sich die optischen Unterschiede in Grenzen.

Mit einer Spielzeit von rund 12 Stunden ist das Spiel für einen Shooter auch angenehm lang, zumal sich die Zeit durch Nebenaufgaben noch steigern lässt. Leider sind die Sidequests nicht besonders originell und dienen wohl eher dem Strecken der Spielzeit als dass sie einen wirklichen Mehrwert bieten.

Technikfeuerwerk

Grafisch macht Wolfenstein II einiges her. Partikeleffekte sehen großartig aus, gerade bei großen Feuergefechten wirkt alles wie aus einem Guss. Kugeln zischen umher und schlagen funkensprühend in Wände ein, Explosionen wirken wuchtig und zwischendrin sieht man dann irgendwelche Körperteile rumfliegen. Ab und zu hatten Texturen Probleme beim Laden, was sich aber nicht sonderlich auf den starken Gesamteindruck der Grafik auswirkt.

Auch beim Sound hat MachineGames tolle Arbeit geleistet, selbst die deutschen Synchronsprecher machen ihren Job super und klingen sehr professionell. Der Soundtrack ist stimmig und mit dem von Doom vergleichbar, nur vielleicht nicht ganz so brachial. In Ballereien kommt die Tonkulisse richtig gut und unterstützt die Atmosphäre wunderbar.

Fazit

Für Shooterfans, die keinen Wert auf Multiplayer legen und auch nicht stundenlang an ihrem Loadout und den Perks schrauben wollen, sondern sich einfach über 10 Stunden gut unterhalten sehen wollen, für die ist Wolfenstein II genau das richtige Spiel. Hier werden keine Gefangenen genommen, hier wird einfach ins kalte Wasser geworfen und geballert. Und das macht das Spiel besser als fast jeder andere Shooter auf dem Markt. Die Story ist auch ohne große Überraschungen sehr stimmig, das Gun- und Gameplay fordernd und der technische Rahmen top. Klare Kaufempfehlung meinerseits!