Test: Daymare: 1998

Das Resident Evil 2 Remake hat alle Erwartungen übertroffen – oder zumindest locker erfüllt. Als es noch nicht so klar war, ob es überhaupt ein Remake geben wird und falls ja, wie es werden wird, hat sich ein kleines Entwicklerstudio aus Italien drangesetzt und versucht, eine Hommage an den einstigen Horror-Klassiker zu erschaffen. Im Laufe der Entwicklung wurde das RE2 Remake aber immer konkreter und schien auch tatsächlich der zu erwartende Blockbuster zu werden (und Capcom war nicht so ganz einverstanden mit dem Fan-Remake) – also wurde der Kurs von Daymare: 1998 kurzerhand geändert. Aus einem RE2 Remake/Hommage-Hybriden wurde ein eigenständiges Spiel, das dem Capcom Meisterwerk seine spielerische Ehre erweisen wollte. Wie erfolgreich das ganze Unterfangen war, finden wir im nachfolgenden Test heraus!

Von Geheimagenten und abgerissenen Armen

Das Leben als H.A.D.E.S. Agent ist kein leichtes. Kriegs- und Krisengebiete aufräumen, Zielpersonen ausschalten oder einen absolut tödlichen Virus, der Infizierte in kotzende Untote verwandelt, sicherstellen – langweilig wird es nie. Und zwei von insgesamt drei Protagonisten (oder doch Antagonisten?), die ihr durch die verseuchten Gebiete bewegt, gehören eben dieser Spezialeinheit an. Das dritte Rad am Wagen hört auf den Namen Walker, seines Zeichens Förster, der mit psychischen Problemen zu kämpfen hat und von Halluzinationen geplagt wird.

Hunk? Nein, Liev. Die Anleihen zu RE2 fallen Fans sofort ins Auge.

Diese Charaktere treffen im Laufe der absolut albernen Story durch verschiedene Umstände aufeinander und natürlich sind alle Schicksale im Endeffekt auch miteinander verknüpft, eigentlich ist die Geschichte von Daymare aber noch einmal zwei Stufen über Resident Evil, was sowohl Trashfaktor als auch Unlogik betrifft. Eine nette Idee der Entwickler ist es jedoch, dass man mit Liev zeitweise den Antagonisten des Horror-Adventures spielt und man so auch die andere, böse Seite der Story erlebt. Da muss man dann auch mal „unschuldige“ Forscher ausschalten, da keine Zeugen für die Entwicklung des tödlichen Virus lebend aus dem Laborkomplex entkommen dürfen – ein netter Twist, besonders für das Genre. So als hätte man Nikolai in Resident Evil 3 innerhalb des Story-Modes gespielt, nur ist es in Daymare im Gesamtkontext nicht so gut, wie es wohl in RE3 (dem Original, nicht das diskussionswürdige Remake) gewesen wäre.

Leider sind auch die Zwischensequenzen nicht auf einem besonders hohen Niveau, Mimik und generelle Dramaturgie wirken oft sehr hölzern und wecken keine Emotionen. Dazu kommt erschwerend hinzu, dass viel Story durch Tagebücher oder Logs erzählt wird, die oft in die zweistelligen Seitenzahlen gehen. Das schraubt in negativer Weise am Pacing, zumal die Texte nicht wirklich interessant sind.

Man merkt dem Spiel an, dass bei der Entwicklung kein großes Studio beteiligt war, was an sich ja nicht schlimm ist, aber man sich für meinen Geschmack dann doch etwas zu ernst genommen bzw. zu große Ambitionen verfolgt hat.

Resident Evil 2 Beta?

Denn grundsätzlich macht Daymare: 1998 einige Dinge echt gut, hat sie dann aber nicht zufriedenstellend zu Ende gebracht oder gedacht. So wird generell eine Atmosphäre aufgebaut, die sich, gemessen am Budget, nicht hinter dem Urvater aus der Feder Capcoms verstecken braucht. Krankenhaus, Labor, Vorort – jede Location wüsste an sich zu überzeugen. Ich sage extra wüsste, denn einige Dinge machen die Immersion dann doch kaputt.

Das wären zum einen die Gegner. Bis auf ein paar Bossgegner wiederholen sich die Zombie-Modelle sehr oft, zumal die einzige Attacke der Untoten ein Schwall grüner Kotze ist. Für mich eine schwer nachzuvollziehende Entscheidung, da besonders Zombies ja als Gourmets unter den klassischen Videospielgegnern gelten.

Auf Bildern sieht Daymare: 1998 nach Splatterspaß aus. Leider wird der Survival-Horror in Bewegung ziemlich blutleer.

Zum anderen, und das wiegt noch einmal um ein Vielfaches schwerer: Daymare ist einfach nicht gruselig. Ich bin jemand, der eigentlich relativ leicht zu erschrecken ist und gerne auch mal den Ton runterdreht, wenn sich was in Richtung Jumpscares andeutet oder das Spiel grundsätzlich eine stimmungsvolle Atmosphäre bietet (Silent Hill 1-3 zum Beispiel). Daymare hat sich für mich hingegen eher wie ein 3rd-Person Shooter angefühlt, der mit kleinen Horrorelementen versehen ist. Ich hatte nie das Gefühl von Angst: was könnte hinter der nächsten Tür lauern? Kommt eventuell jemand aus dem Spind geschossen? Trigger ich mit dem Aktivieren eines Panels einen Jumpscare? All das habe ich mich nicht gefragt. Anstatt den Monstern aus dem Weg zu gehen, habe ich aktiv nach ihnen gesucht.

Das Gunplay von Daymare liefert solide Kost und erinnert ganz stark an das Vorbild RE2 Remake. Auf Knopfdruck zückt ihr euren Ballermann, könnt laufen und dabei schießen und auf Knopfdruck nachladen. Apropos Nachladen: es gibt eine interessante Mechanik, die das Spiel in der Theorie etwas nervenaufreibender gestalten würde, wenn es denn einen Hauch von Grundgrusel bieten würde. Ihr müsst eure Magazine nämlich mit Kugeln füllen und könnt beim Nachladen dann aussuchen, ob ihr euer entleertes Magazin einfach wegwerft und schnell ein geladenes nutzt, oder das aktuelle Magazin mit Patronen füllt. Erstere Methode ist zwar erheblich schneller, ihr müsst dann aber auch daran denken, das weggeworfene Magazin wieder einzusammeln. Das sorgt in der Theorie für spannende Entscheidungsspiele, in der Praxis hat man aber meistens genügend Zeit, um die langsamere Variante zu wählen.

Positiv zu erwähnen sind die Rätsel. Diese erinnern mit ihrer Art an das angestrebte Original und sorgen für die ein oder andere metaphorische Kopfnuss. Da hätte sich selbst Capcom für ihr Resident Evil 3 Remake ein Scheibchen von abschneiden können.

Die Rätsel bilden eine positive Ausnahme zum Rest des Spiels.

Aber auch sonst erinnert vieles an japanische Horror-Franchise: es gibt Kisten, mit denen man Items lagern und transferieren kann, Heilgegenstände lassen sich kombinieren, um Buffs zu erhalten und natürlich darf auch die obligatorische Karte nicht fehlen.

Was das Gameplay angeht, macht Daymare: 1998 grundsätzlich erst einmal nicht viel falsch. Die Level sind creepy und die Ballereien und Rätsel sind akzeptabel bis gut. Und dennoch wirkt das Spiel irgendwie, als wäre es eine Beta Version vom Resident Evil 2 Remake. Es ist nicht viel los, dem Grundgerüst fehlt es an Leben. Monster sind wenig abwechslungsreich und es will keine Gruselstimmung aufkommen, stattdessen ist es eher so, als wollte man zeigen, was in Zukunft möglich wäre. Beim Spielen hatte ich das Gefühl wie bei der damaligen E3 Demo von Doom 3: macht Lust auf mehr und steigert die Vorfreude, man ist gespannt was die Entwickler aus dem Szenario machen und wie die endgültige Version aussehen wird. Bei Daymare ist das Problem nur: es ist schon die Vollversion.

Das Inventar mit seinen begrenzten Plätzen kennt man auch von dem ein oder anderen Capcom Spiel.

Auch wenn es sich die Entwickler sicher anders vorgestellt haben, aber dem Horrortrip fehlt es an Seele. Man hat zu sehr versucht, Resident Evil zu imitieren, was bei der gebotenen Messlatte fast unmöglich ist und dabei vergessen, eine eigene DNA zu entwickeln. Und die Dinge, die man neu eingeführt hat, funktionieren nicht so wie wahrscheinlich gewünscht.

Und auch grafisch hinterlässt Daymare einen sehr zwiegespaltenen Eindruck. An sich sieht es sehr stimmig aus und auch die Licht- und Schattenspiele sorgen für eine schaurige Atmosphäre – im Prinzip sehr solide Unreal Engine 4 Kost. Dagegen stehen allerdings immer wieder nachladende Texturen und grausige Gesichtsmodelle, und in bestimmten Abschnitten des Spiels kommt es auf Grund der Anzahl von Gegnern zu spürbaren Slowdowns.

Über die Synchro sollten wir lieber nicht sprechen, denn dort merkt man das geringe Budget schon fast am meisten. Die Sprecher können sich nicht entscheiden, ob sie zu aufgedreht oder zu gelangweilt wirken wollen, was der eh schon ungruseligen Stimmung natürlich nicht zu Gute kommt.

Fazit

Schade! Da wäre sicher mehr drin gewesen, denn das Grundgerüst von Daymare: 1998 stimmt. Auf den ersten Blick wirkt das Survival-Horror Abenteuer wie eine etwas billigere Version von Resident Evil 2, die sich ganz klar am Vorbild bedient, jedoch auch eigene Akzente setzt. Je länger das Spiel jedoch dauert, desto mehr merkt man, dass dem Titel schnell die Luft ausgeht und irgendwie leer wirkt. Wie schon erwähnt, für mich könnte Daymare genauso gut eine Beta vom RE2 Remake sein. Und ich glaub, dass das auch das größte Problem der Entwickler war, denn schließlich war ihr Machwerk erst als Remake des capcom’schen Originals konzipiert. Die Kurve zum eigenständigen Spiel hat man meiner Meinung nach nicht mehr richtig bekommen.

6.6

Gameplay

6.5/10

Grafik

7.0/10

Sound

6.0/10

Umfang

6.8/10

Pros

  • Grundsätzliches Gerüst stimmt
  • Interessante Ideen...

Cons

  • Es kommt keine Gruselstimmung auf
  • ...die jedoch nicht gut ausgespielt werden
  • Grausame Synchro
Über Pat 170 Artikel
Kommt aus Essen und zockt gerne mal, am liebsten Multiplayer- und Horrorgames.

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