FIFA & Pro Evolution Soccer: erstes Fazit nach einem Quartal

Auch in diesem Jahr fand – natürlich – wieder der Zweikampf FIFA – PES statt und schien spannend wie schon lange nicht mehr zu werden. Das lag hauptsächlich an Gameplayschnitzern seitens EA, die Konami mit einem runden Spielgefühl auskontern konnte. Drei Monate nach Release der beiden Spiele und unzähligen Stunden in eben beiden Kicksimulationen möchte ich ein erstes Fazit ziehen.

Würde ich nur das reine Gameplay unter dem Gesichtspunkt einer Simulation betrachten, dann hätte PES hier die Nase vorn. Pro Evo wirkt in seinen Bewegungsabläufen realistischer, Spieler müssen den Ball erst unter Kontrolle bekommen oder können auch nicht direkt von 0 auf 100 durchsprinten, hier wirkt alles etwas „menschlicher“ bzw. träger, man hat im Vergleich zu FIFA mehr das Gefühl, echte Menschen zu steuern. Für genaue Pässe sollte man mit dem Spieler eine vernünftige Position einnehmen, Zuspiele in den Lauf mit dem Rücken zum Mitspieler stehend und vielleicht noch auf dem schwachen Fuss kommen sehr selten genau an. Man muss sich mehr Gedanken im Voraus machen und am besten schon seine nächsten drei Schritte nach der ersten Aktion planen.

Bei FIFA spielt sich hingegen alles direkter, bei einem Fehler hat man immer noch genug Zeit, darauf zu reagieren und die Situation vielleicht zu entschärfen. Das fühlt sich als Spieler einerseits ganz gut an, weil man so das Gefühl der kompletten Kontrolle hat, andererseits wirkt das Gameplay dadurch auch etwas arcadiger. Auch spielen Positionen zueinander bei Pässen nicht so eine große Rolle wie bei PES, FIFA vergibt da deutlich mehr.

Beide Spiele bieten, wie sollte es beim Fußball auch anders sein, eine Reihe unvorhergesehener Momente. Seien es Abpraller, Pressbälle oder ruppige Zweikämpfe, König Zufall regiert mit eiserner Hand. Ich habe selbst das Gefühl, dass die „Zufallsmomente“ bei FIFA häufiger vorkommen, geschuldet durch die Engine aber auch öfter mal um einiges unrealistischer als beim Konkurrenten ausfallen. Besonders bei Zweikämpfen verlieren die Spieler gerne mal jegliche Körperspannung und fallen einfach in sich zusammen.

Was leider beide Spiele bieten sind Eingriffe der KI in das eigene Spiel, um dem Gegner so einen Vorteil zu verschaffen – egal ob CPU oder echter Kontrahent. Spieler reagieren nicht oder nur langsam auf Befehle oder gehen nicht zum Ball, der praktisch an ihnen vorbei kullert. Hier finde ich es bei FIFA etwas ertragbarer, da bei PES solche Situatonen oft bei Steilpässen vorkommen und nicht selten zum Tor führen. Da hilft dann auch die oft angepriesene Superkontrolle nicht, da der Ball dann nicht immer an den Spieler „anklickt“ sondern bei Berührung weiter herrenlos über das Feld rollt.

Schüsse kommen bei Pro Evolution Soccer definitiv wuchtiger und wirken in allem viel runder als bei FIFA. Die Schüsse beim EA Vertreter wirken oft etwas kraftlos, so als ob man mit einem Plastikball und keinem harten Lederball schießt. Auch die Flugbahnen wirken nicht immer ganz realitätsnah. Bei den Schussvarianten tun sich beide Spiele nichts – es gibt u.a. Schlenzer und Lupfer – und liegen auf Augenhöhe.

Bei Standardsituationen sehe ich sich PES vorne. Mir hat dieses System mit den Fadenkreuzen noch nie Gefallen und besonders in diesem FIFA Teil haben sie mit den Eingaben übertrieben und wirkt sehr unintuitiv. PES erfindet das Rad zwar nicht neu, braucht es in diesem Punkt aber imo auch nicht. Wo Konamis Kick aber ganz dringend dran arbeiten muss sind die absolut overpowerten Freistöße. Fouls im Bereich des 16ers bedeuten zu 95% einen Treffer, weil man im Prinzip nur die richtige Schussstärke und Ausrichtung wissen muss, da diese für fast alle Spieler gleich ist, unabhängig der Werte. Besonders ärgerlich: dieser „Bug“ zieht sich schon seit 2019 durch und wurde bis heute nicht angegangen. Ähnliches bei den Elfmeter, da man dort nach dem Schuss als Keeper noch einen Bruchteil einer Sekunde hat, um die richtige Richtung zu wählen und man sich die Seiten so auch nach dem Schuss noch ausgucken kann. So entstehen Elfmeterergebnisse, die nichts mit der Realität zu tun haben.

Insgesamt würde ich PES wie zu Beginn schon gesagt in Sachen Gameplay einen Vorteil attestieren, hat aber auch mit einigen Problemen zu kämpfen.

Ein großes Problem von PES im Vergleich zu FIFA ist der mangelnde Umfang. Die Offline-Modi lassen beide Unternehmen ja seit Jahren eher unbedacht, das Hauptaugenmerk liegt auf FUT/myClub. Und da sieht Konami im Vergleich zum EA Sprössling einfach nur alt aus. Das mag zwar teilweise auch an den fehlenden Lizenzen liegen, andererseits beweist ja auch FIFA, das man selbst mit den selben Spielern durch unterschiedliche Versionen Varianz in den Modus bringen kann. Klar, das soll natürlich auch Ingame Käufe anregen und ist auch ein anderes Thema, aber rein umfangtechnisch sind die beiden Spiele in den Modi nicht annähernd auf Augenhöhe. PES bringt Team of the Week Spieler, Legenden und ein paar Extrakampagnen raus, das war’s auch schon. Sammelenthusiasten schauen sonst in die Röhre und sollten myClub nur spielen, wenn es ihnen hauptsächlich um die Spiele an sich geht und der Teambuilding-Aspekt vernachlässigt werden kann. FIFA hingegen bietet seit Jahren eine Vielzahl an verschiedenen Karten, die das Sammeln lohnenswert machen, auch wenn es zu heftigem Grind führen kann.

Die Karrieremodi sind seit Jahren nur Anhängsel und unterscheiden sich kaum in ihren Anlagen, der einzig große Unterschied sind sie Lizenzen, bei denen FIFA natürlich aus den vollen Schöpfen kann, während man bei PES zumindest mit Option Files für die PS4 und PC für etwas Authentizität sorgen kann, auch wenn es dann trotzdem nicht für die Quantität reicht.

Grafisch sticht der Japankicker die amerikanische Konkurrenz aus, was vor allem an den viel gelungeneren Spielermodellen liegt. Gesichter und Körperproportionen sehen den realen Abbildern viel ähnlicher und allgemein realistischer aus, bei FIFA wirkt alles sehr viel künstlicher, besonders bei unbekannteren Spielern. Dafür siegt FIFA bei der Soundkulisse und transportiert die Stadionatmosphäre viel besser ins Wohnzimmer, wobei ich auf der Xbox One X einige Soundbugs erleben musste, die ich auf der PS4 jedoch nicht hatte.

Da sich beide Spiele ja durch Patches öfter mal komplett ändern möchte ich auch extra auf ein abschließendes Fazit verzichten und lieber herausstellen, welches Spiel für welchen Spielertyp geeignet ist. Legt ihr mehr Wert auf Realismus und auf das Gameplay an sich und könnt auf umfangreiche Onlinemodi und einem großen Lizenzrahmen verzichten, so würde ich euch PES empfehlen. Seid ihr jedoch wild auf Sammelei und einem belohnenden Grind für Onlinemodi, die sich etwas arcadiger spielen und gerade Beginner schnell Erfolgserlebnisse bescheren, dann rate ich euch zu FIFA. Wenn ihr nur offline kicken wollt, dann müsst ihr entscheiden, ob ihr mehr Wert auf das Gameplay oder die Lizenzen legt. Ich persönlich spiele FIFA nur im Ultimate Team Modus, PES spiele ich hingegen gegen Freunde. So hat sich jedes Spiel bei mir etabliert, jeweils nur für andere Bedürfnisse.